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Schul-System für Individuen? – Wie die Volksschule den Kapitalismus stärkt PDF Drucken
Dienstag, 16. Januar 2018

Im Dezember 2017 hielt eine Gastreferent*in bei uns einen Vortrag zum Thema Schule und Alternativen dazu. Es wurde anschliessend angeregt diskutiert. Das Input-Referat findet ihr nun hier zum Nachlesen.

Alleine der Name sagt es schon: Schul-System. Ein System, Kinder zu schulen. Aber zu was? Müssen Kinder von aussen beschult werden? Kinder sind in der Lage, Sprechen, Laufen, Greifen und vieles mehr zu Lernen, ohne dazu von aussen motiviert zu werden. Beim Lesen und Schreiben hört der Spass aber auf, das müssen alle zur gleichen Zeit lernen. Warum eigentlich? Was diese Gleichschaltung des Lernprozesses mit dem Kapitalismus zu tun hat und welche Alternativen es gibt, soll dieser Text aufzeigen.

 

Die Entstehung der Volksschule

Woher stammt das Konstrukt, welches wir heute als Volksschule kennen? In der Schweiz entstand die Schulpflicht in den einzelnen Kantonen im Verlaufe des 19. Jahrhunderts, in der Zeit der Industrialisierung. Wiederstände entstanden, die Kinder sollten nach Meinung des einfachen Volkes lieber arbeiten gehen. Das Ziel dieser Schulen war, die Kinder zu guten Christen zu erziehen, das Lesen der Bibel war das Ziel der Alphabetisierung. Dies änderte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Schulen wurden säkularisiert, das Ziel war aus den Schülern «gute Staatsbürger und taugl. Geschäftsmänner» (Grunder, Hans-Ulrich, o.J.) zu machen. Bereits an dieser Formulierung sieht man, auf welchem Verständnis die Volksschule aufbaut. Dieses Verständnis wandelte sich über die Zeit. Eine Reformist_innengruppe, die sich Genfer Schule nannte stellte es sich folgendermassen vor: «[…]ihnen [schwebte] ein Unterricht vor, der die Kinder harmonisch ausbilden, ihre Interessen zum Ausgangspunkt nehmen, fächerübergreifendes und handelndes Lernen initiieren und den Übertritt vom Kindergarten in die P. sinnvoll gestalten sollte.» Ein Ziel, welches vermutlich auch alle heutigen Primarlehrer_innen unterschreiben würden. Doch ein Hindernis bleibt.

Ersetzen wir den Baum durch den Abschluss der neun obligatorischen Schuljahre und die Tiere durch Kinder, so erscheint das Bild machbar. Dabei besteht dieser Abschluss aus einer Vielzahl von Fächer, welche wiederum völlig verschiedene Fähigkeiten und Fertigkeiten benötigen.


Aufgeschlüsselt am Beispiel Deutsch, wie die Kompetenzen im Lehrplan 21 stehen:



Alleine hiervon finden sich im LP 21 27 (!) im Fach Deutsch.

Beispiel Bildnerisches Gestalten: 12 Kompetenzen

So könnte man stundenlang weitermachen. Bringt aber nichts. Faktisch soll die Volksschule all diese Kompetenzen den Schüler_innen in 9 Jahren beibringen. Unabhängig von ihren Fähigkeiten, ihrem Vorwissen, der Unterstützung von zu Hause und so weiter. Dabei wäre das selbst bei einem einzelnen Kind Unsinn.

Für uns Erwachsene ist nicht immer klar, wie anspruchsvoll gewisse «leichte» Aufgaben sind. Die benötigte Abstraktionsfähigkeit, den Haufen rote und blaue Plättchen in eine Zahl zu übersetzen, ist enorm. Und eine Frage der Neurologie. Die Fähigkeit zur Abstraktion muss sich erst entwickeln und kann nicht erzwungen werden. Ist sie bei einem Kind mit 6 Jahren noch nicht genug ausgebildet, ist das Kind nicht dumm. Es fehlt nur eine (biologische) Voraussetzung. Das gleiche Kind ist aber beispielsweise im Technischen Gestalten sehr gut, baut (für sein Alter) komplexe Gebäude aus Bauklötzen und so weiter. Es wird sich in den ersten Jahren im Werkunterricht, wenn es Pech hat, schrecklich langweilen, statt gefördert zu werden.

In der Theorie wird diesen Umständen Rechnung getragen. Individualisierung heiss das Zauberwort, mit dem der Unterricht an die Voraussetzungen aller Schüler_innen angepasst werden soll. Dazu kommt Förderung für begabte Kinder. In der Praxis bedeutet es, dass zwar Arbeitsblätter auf drei Niveaus angeboten werden, die Prüfung aber am Schluss dieselbe ist. Entsprechend hat ein Kind wie das im Beispiel oben trotz grossem Lernzuwachs schlussendlich eine schlechtere Note als ein Kind, welches kaum neues gelernt hat, weil das Thema nichts wirklich Neues war. Förderung findet, wenn überhaupt, entweder spezifisch für Hochbegabte statt, oder aber nur in den Hauptfächern Deutsch und Mathe. In diesen Fächern schwache Schüler_innen, welche anderswo begabt sind, werden kaum gefördert.

Dazu kommt noch die Frage der Motivation. Die Neurologie konnte zeigen, dass Lernen nur über Emotion funktioniert. Ergo kann ich etwas, was mir egal ist auch nicht lernen. Das ist bei Kindern nicht anders. Das heisst nicht, dass weniger Interessantes nicht gelernt werden kann, es muss aber im Bezug zu einem Ziel sein, für das der/die Lerner_in brennt. Gelingt das einer Lehrperson nicht, hat ein Kind keine Chance, etwas zu lernen. Für das gestalterisch begabte Kind aus dem Beispiel ist Mathe lernen isoliert vermutlich sehr schwer, da kein Interesse besteht. Kommt Rechnen aber beim Tüfteln an einem technisch-gestalterischen Problem ins Spiel, hat das Kind einen Grund, warum es das braucht und das Lernen wird möglich. In den isolierten Schulfächern wird es kaum dazu kommen.

Zu den beschriebenen Problemen kommt der Lerneffekt der Noten hinzu. In einigen Kantonen werden diese bereits ab der 2. Klasse verteilt. Dieses Runterbrechen ihrer Leistungen auf angeblich objektive Zahlen lehrt die Kinder sehr früh sich über Leistung zu definieren und zu bewerten. Leider fördern die meisten Eltern dieses Verhalten noch. Vermutlich erhoffen sie sich dadurch besser zu wissen, wie ihr Kind in der Schule ist. Dabei sind Noten wesentlich subjektiver als man annimmt und können auch nur sicht- und bewertbare Leistungen abbilden. Schlussendlich sind sie ein Instrument um den allgegenwärtigen Wettbewerb zu starten und die Schüler_innen zu kategorisieren. Dabei sind wir in der Schweiz noch harmlos, vergleicht man es mit anderen Ländern (Bsp. China).



Es zeigen sich also vier Hauptprobleme:

1. Die Volksschule wurde mit dem Ziel gegründet, «gute Staatsbürger» zu machen, also brav arbeitende Bürger_innen, welche nichts hinterfragen. Die Betonung auf den Staat zeigt, es geht nicht darum das Individuum zu fördern, sondern nutzbares Humankapital zu erschaffen.

2. Trotz Versuchen den unterschiedlichen Voraussetzungen Rechnung zu tragen, müssen alle Kinder den Schulstoff in der gleichen Zeit lernen. Dabei spielt keine Rolle, ob ein Kind die geplanten Fachinhalte von neun Jahren in sieben schaffen könnte, weil es in diesem Fach Interesse besteht.

3. Lernen läuft über Gefühle. Diese sind je nach Interesse eines Kindes in den meisten Fächern nicht vorhanden, was das Lernen in der Volksschule stark erschwert.

4. Das frühe Bewerten der Leistungen lehrt die Kinder den kapitalistischen Wettbewerb mitzumachen und sich über ihre Leistung zu definieren.

Es fällt auf, dass auch die Volksschule eine gewisse Effizienz anstrebt. 20 Kinder, eine Lehrperson, 9 Jahre, für alle die gleichen Inhalte, fertig ist der Arbeitnehmer. Abweichungen sind nicht vorgesehen. Angepasst an den Kapitalismus. Aber was wären die möglichen Alternativen?




Alternativen in der Volksschule


Altersdurchmischtes Lernen, kurz AdL, bedeutet, dass mehrere Klassenstufen in einem Raum unterrichtet werden. Häufig zu finden sind solche Klassen in Dörfern, in denen die Kinder nicht für einzelne Jahrgangsstufen reichen. Manche Schulen wählen AdL auch bewusst als alternative zum normalen Unterricht. Das klingt im ersten Moment etwas speziell. Wie sollen Kinder über drei Jahrgangsstufen, beispielsweise 1.-3. Klasse in einer Klasse unterrichtet werden? Dazu muss man wissen, dass bereits in einer normalen Jahrgangsklasse mehrere Jahre Unterschied bestehen. Einerseits aufgrund des Stichtages, der sich je nach Kanton unterscheidet, aber auch die geistige und neurologische Reife. Alleine schon das Geschlecht macht viel aus, Mädchen sind beim Schuleintritt reifer als Jungen (Was sich bis in die höheren Klassen zeigt, die Mädchen können sich den Anforderungen besser anpassen.) Das führt dazu, dass der Altersunterschied in einer Klasse geistig und neurologisch bis zu vier Jahre betragen kann. In einer normalen Jahrgangsklasse! Inzwischen gibt es gute AdL-Schulen, welche auch ihre Konzepte weitertragen und wesentlich freier Unterrichten als normale Volksschulen. Zum freien Unterricht folgt später mehr.


Alternative Pädagogik


Rudolf Steiner, Maria Montessori, der Verein Glücksschule und viele mehr: Sie alle hatten und haben im Sinn, eine bessere Schule zu gründen. Leider sind die meisten dieser Schulen keine Volks- sondern Privatschulen und damit nur finanzstarken Familien offen. Viele von ihnen sich bemühen sich, auch Lösungen für weniger gut betuchte Kinder zu finden. Jedoch sind sie auf die zahlenden Eltern angewiesen. Auch sind einige Schulen mit spezifischen Wertvorstellungen und Weltbildern verknüpft, was nicht allen Eltern zusagt.


Homeschooling und Unschooling

Homeschooling ist vor allem aus Amerika, insbesondere von evangelikalen Christen, bekannt. Homeschooling ist im weitesten Sinne das Unterrichten der Kinder zu Hause. Dabei geht die Skala aber von normalem Unterricht, der am Küchentisch stattfindet bis zu nahezu freiem Lernen*. In der Schweiz ist Homeschooling je nach Kanton unterschiedlich geregelt (Details siehe http://www.bildungzuhause.ch/de/praktisches.html). Die Gründe für Eltern, ihre Kinder aus der Volksschule zu nehmen sind vielfältig. Viele Kinder reagieren darauf erst irritiert, werden aber mit der Zeit sehr motiviert und lernen lieber. Homeschooling ist insofern nicht unumstritten, dass die Kinder in der Schule mehr als nur Fachinhalte lernen, insbesondere soziale Kompetenzen. In Amerika dient es evangelikalen Christen dazu, ihre Kinder von öffentlichen Schulen fernzuhalten, damit diese beispielsweise den Kreationismus statt der Evolutionstheorie lernen.

Unschooling, auf Deutsch auch Freilernen genannt, ist das komplette Weglassen von Unterricht. Es kann als Teil des Homeschooling gesehen werden, da es ebenfalls zu Hause stattfindet. Freilernen heisst aber nicht, Kinder einfach machen lassen. Die Kinder können selbst aussuchen, was sie tun wollen und die Eltern (oder sonstige betreuende Person) unterstützen sie dabei. Gleichzeitig sollte die betreuende Person versuchen, neue Inputs anzubieten, ohne sie dem Kind aufzudrängen. Es gilt, eine Balance zu finden. Häufig findet das Lernen auch draussen statt. Für die betreuende Person bedeutet es, einen Grossteil des Tages mit voller Konzentration auf die Bedürfnisse des Kindes zu achten.

Einer der bekanntesten Freilerner ist der Franzose André Stern, der Sohn des Reformpädagogen Arno Stern. Stern ging nie zur Schule und schrieb ein Buch darüber Als Kind hatte er keinen Unterricht, in gar nichts. Lesen lernte er, als er es für ein Projekt benötigte, im Alter von acht Jahren, also wesentlich später als wenn er normal zur Schule gegangen wäre. Für Stern ist das Unterbrechen des kindlichen Spieles falsch, ebenso das Lernen in Fächern. Er wird gerne als Beispiel eines Erfolgreichen Freilerners präsentiert. «Er ist Musiker, Komponist, Gitarrenbaumeister, Journalist und Autor […] (zit. nach http://www.andrestern.com/de/startseite.html).

Allgemein sind die Geschichten zu Home- und Unschooling in öffentlichen Medien so gut wie immer nur positiv. Die Freilerner_innen sind froh, dass sie so lernen durften, lernen lieber und besser. Ob es wirklich alles so ist, ist schwer zu sagen. Offensichtliche Schattenseiten ist wieder einmal die Finanzierung. Egal ob Home- oder Unschooling, ein Elternteil muss zu Hause bleiben. Auch wenn dabei verschiedene Modelle bestehen, ist es meistens ein Elternteil, welches Vollzeit arbeitet, während das Andere zu Hause bleibt. Um bei nur einer verdienenden Person trotzdem die Lebenshaltungskosten aufbringen zu können, geht so gut wie immer die besserverdienende Person arbeiten, aufgrund der Gender-Pay-Gap ist es schlussendlich meist der Mann. Das fördert ein traditionelles Rollenbild, was sehr schade ist.

Ein weiterer Kritikpunkt insbesondere des Homeschooling ist, dass die Eltern sich in einer Doppelrolle befinden. Mit dieser müssen beide Seiten umgehen lernen, ansonsten kann diese zu Problemen führen. Für beide Lernformen gilt ausserdem das Problem der Privatsphäre. Den Kindern bleiben nur wenige Bereiche, in denen die Eltern nicht präsent sind. Auf der anderen Seite haben auch die Eltern, besonders der Elternteil, der zu Hause bleibt, wenig Zeit ohne die Kinder. Auch das kann auf Dauer anstrengend werden. Freilernen heisst, wie oben beschrieben, ständig offen zu sein für die Bedürfnisse der Lernenden und eine gute Balance zu finden. Darin befindet sich wenig Freiraum für die Erwachsenen. Zuletzt ist leider auch Homeschooling und Freilernen, wie weiter oben angetönt, wiederum nur die Möglichkeit für Familien mit einem genügenden Einkommen.


Abschliessend lässt sich sagen: Es besteht Hoffnung.
Die bestehenden Möglichkeiten sind zwar oft einer kleinen Gruppe von Gutsituierten vorbehalten, aber sie sind da. Auch engagierte Lehrer_innen versuchen in der Volksschule etwas zu erreichen und ihre Erfahrungen zu teilen. Was wir alle tun können, ist, Kinder in ihren kritischen Fragen bestärken und sie einmal weniger vom Spielen abhalten, wenn die Hausaufgaben anstehen.
 
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