Kapitalismuskritik und WEF
Flugblatt der Libertären Aktion Ostschweiz

Alle Jahre ist es wieder so weit: Das WEF (World Economic Forum) steht vor der Tür und von den verschiedensten Ecken des linken Spektrums wird Kritik daran laut und man legt sich mächtig ins Zeug um eine „Gegenmobilisation“ zustande zu bringen. Sei es durch Randale, kreative Protestaktionen oder durch das schlichte Mitlaufen in einer Demo „weil man ja dagegen ist“. Doch was hat es mit dieser Kritik auf sich? Wieviel vermag sie her zu geben? Und gegen was ist man eigentlich?

Es scheint als würde sich diese heterogene Masse an GegenprotestlerInnen – vom Schwarzen Block bis zur Clownarmy – nicht gross mit diesen Fragen auseinandersetzen. Die theoretische Klärung und Reflexion über das, wogegen man protestiert und insbesondere die Frage ob das WEF überhaupt das richtige Zielobjekt für eine Kritik und einen Protest ist, kommt häufig erst nach dem ganzen Mobilisierungstrouble oder eben gar nicht zu stande. Somit verkommen die ganzen Anti-WEF Proteste schnell zu reinem Aktionismus, zu inhaltslosen Floskeln, welche kein kritisches Potential mehr haben.

Das WEF wird oftmals als Symbol für die kapitalistische Gesellschaft verstanden, der Protest wiederum als Protest gegen die gesamte kapitalistische Gesellschaft. Dies hat sich auch an den Anti-G8 Protesten vor kurzem abgezeichnet. Jedoch liegt dieser Annahme ein grundsätzlicher Fehler zu Grunde: Das WEF ist bloss ein überstaatliches Treffen verschiedener Kapitalfraktionen, jedoch nicht der Schalthebel oder das Machtzentrum der kapitalistischen Ausbeutung oder gar der Gesellschaft an sich. Die Herrschaft im Kapitalismus ist abstrakter Natur, sie wird vermittelt durch die kapitalistischen Gesetze und Strukturen, welche dieser speziefischen Produktionsweise zu Grunde liegen. Die Vorstellung von ein paar raffgierigen Bonzen und bösen Managern, die sich alljährlich am WEF treffen und dort ihre Ausbeutungs- und Unterdrückungsfäden spinnen, ist vollkommen verkehrt. Beim WEF handelt es um das sich arrangieren und sich organisieren des Kapitals innerhalb der schon vorhandenen kapitalistischen Ausbeutungs- und Unterdrückunsverhältnisse. Das WEF ist daher nicht Ursache von Unterdrückung, Ausbeutung, Hunger und Armut, sondern das WEF ist umgekehrt Ursache des Bedürfnisses der Bourgeoisie sich in diesen schon bestehenden kapitalistischen Verhältnissen zu organisieren. Der Kapitalismus – samt allem Übel das er hervorbringt – besteht auch gleichermassen weiter wenn das WEF als überstaatliches Treffen verschwinden würde.

Die Kritik und die Proteste gegen das WEF sind insofern falsche Herangehensweisen, da sie den Kapitalismus nicht als ganzes Spektakel verstehen, kritisieren und abschaffen wollen. Auch ist die Kritik am WEF nicht ein Ansatz in diese Richtung. Es ist notwendig das zu kritisieren, was hinter der Misere unserer Welt steckt, und das ist weder das WEF, noch Coca Cola, noch George W. Bush – sondern die Funktionsweise des Kapitalismus und die Gesetze und Strukturen, welche den Kern dieser Funktionsweise bilden. Das WEF und alle anderen Beispiele welche genannt wurden sind blosse Erscheinungsformen dieser Funktionsweise, die Kritik daran ist reine Symptombekämpfung. Eine Kritik, die an irgendwelchen Symbolen wie dem WEF, einzelnen Konzernen oder einzelnen Personen aufgehängt ist, verschleiert gerade die wirklichen Ursachen welche zu kritisieren wären.

Auch ohne das WEF müssten wir jeden Tag von neuem unsere Arbeitskraft verkaufen um unser Leben in dieser Gesellschaft bestreiten zu können. Auch ohne WEF würde noch Kapitalismus herrschen – und somit Ausbeutung und Unterdrückung. Anstatt unsere Energie mit Mobilisierungen und Protesten gegen das WEF zu verschwenden, sollten wir eine Kritik am ganzen Spektakel entwickeln und auch unsere Praxis darauf ausrichten. Antikapitalistische Praxis ist nicht eine Sache von alljährlichen Demos gegen irgendwelche „Auswüchse“, sondern beginnt im eigenen Alltag, im Betrieb, in der Schule oder an der Uni. Solange die Lohnarbeit das Fundament unserer Gesellschaft ist, muss auch die Kritik und die Praxis dort ansetzen.